Meine Hure

Auszug aus not just sad. Verfasst von Alexandra Ranner.

 

Die Depression ist eine hinterlistige Hure. Sie kommt und geht, wann sie will, sie sitzt dir im Nacken, erzählt dir, wie wenig du wert bist und am Ende fragst du dich, ob es deine Schuld ist. Deine Schuld, dass du sie reingelassen hast. Deine Schuld, dass du sie nicht früher losgeworden bist. Deine Schuld, dass du nicht besser damit umgehen kannst. Überhaupt deine Schuld.

Wo ist die Depression denn, ich kann sie nicht sehen. Wenn ich mir ein Bein breche, spüre ich es. Ich weiß, ich muss zum Röntgen, ich brauche wahrscheinlich einen Gips und in 6 Wochen ist es dann vorbei. Die 6 Wochen werden schwierig, aber die Leute können dir auf deinem Gips unterschreiben, du kriegst einen Sitzplatz in der U-Bahn und die Leute zeigen Verständnis. Auf der Depression kann man nicht unterschreiben, niemand wird für dich in der U-Bahn aufstehen und Verständnis ist nahezu unmöglich, wenn man die Hure nicht kennt.

Wo höre ich auf, wo fängt die Depression an? Eine Frage, die niemand beantworten kann. Ich könnte das bereits mein ganzes Leben lang haben und keiner weiß es oder wird es je so richtig wissen.

Also mache ich das, was die Hure füttert: mir selbst die Schuld geben. Dafür, dass ich Angst habe, Leuten zur Last zu fallen, wenn ich sie um etwas bitte. Dafür, dass mir die Sicherheit für so viele Dinge fehlt, egal wie oft man mir sagt, wie talentiert ich bin. Dafür, dass ich oft nur ganz oder gar nicht kann, weil ich Angst vor der Ungewissheit habe. Dafür, dass ich es zugelassen habe. Dafür, dass ich nicht früher etwas unternommen habe. Dafür, dass ich es immer noch zulasse. Dafür, dass ich es weiß und nicht ändern kann.

Nicht nicht will, sondern nicht kann. Physisch, psychisch. Ich fühle mich schwach, gefangen, ich enttäusche mich selbst.

„Aber du hast die Depression im Griff, oder?“ werde ich gefragt. Ich nicke, weil ich nicht weiß, wie ich es erklären sollte, dass es genau andersrum läuft. Die Depression hat mich im Griff, hält mich fest. Man könnte mir eine Eisenkugel um die Kehle hängen, die Kette gerade so lang, dass ich gebückt gehen müsste, um nicht zu ersticken… und es würde sich weniger schlimm anfühlen als die Depression. Die Eisenkugel könnte ich wenigstens sehen. Die Depression hingegen ist feige. Sie versteckt sich, sie lauert in der Dunkelheit. Nicht nur wenn ich alleine bin, sondern jede Sekunde kann sie zuschlagen. Dann kann ich keine Gespräche mehr führen ohne mir völlig sinnlos vorzukommen. Oder ich werde wütend. Einfach so.

Die richtig schlechten Tage sind selten gesät, die richtig guten Tage umso seltener. Und die machen mich nervös. Für mich sind sie unerträglich. Oder zumindest mache ich Witze darüber, dass ich unerträglich werde, wenn ich richtig gut gelaunt bin. In Wahrheit ist die Einzige, die mich nicht ertragen kann, ich selbst. Ich habe solche Angst davor, dass ich desto tiefer falle, desto angreifbarer bin, je besser ich mich fühle. Ich lasse mich so sehr von außen beeinflussen, dass ich jegliches Vertrauen in meine eigene Urteilskraft über mein Handeln verloren habe. Also sind selbst die richtig guten Tage nicht lange hilfreich.

Ich versuche wegzulaufen, versuche damit alleine fertig zu werden, doch die Hure hängt mir an den Hacken, egal wie schnell ich laufe, sie ist penetrant, wie der Schmarotzer, der sie ist.

Ich will die Hure bluten sehen.

Ich habe lange genug zugesehen, bin davongelaufen, habe mir selbst die Schuld gegeben, habe nachgegeben, bin zusammengesunken unter dem Druck, der für mich so unfassbar war. Ich bin stehen geblieben und habe mich umgedreht. Ich habe eine Vollbremsung hingelegt gegenüber jedem Instinkt einfach weiter zu laufen. Ich schaue endlich dem ins Gesicht, vor dem ich so lange weggelaufen bin. Meiner Angst, meiner Unsicherheit, meiner vermeintlichen Wertlosigkeit.

Jetzt stehe ich in der Dunkelheit. Ich muss ausharren, die Dunkelheit aushalten, sie erforschen, bis ich sie so gut kenne, wie mich selbst. Bis ich sie nach und nach schwächen kann, bis die Dunkelheit erlischt. Und bis ich keine Angst mehr habe, auch wenn die Hure versucht zurück zu kommen, mich wieder klein zu halten, mich wieder auf den Boden zu werfen, mir wieder einzureden, dass es alles meine Schuld war. Das wird ein Ende haben.

Das erste Licht ist angegangen, das Licht am anderen Ende der Dunkelheit, in der ich an meinem Ende nicht einmal geradestehen konnte, aus Angst mich anzustoßen, unbequem zu werden, es schlimmer zu machen mit meiner Haltung. Ich bin stehen geblieben, ich habe mich umgedreht, um mich der Dunkelheit zu stellen. Es ist an der Zeit, die Lichter anzumachen.